In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod
 BRD 1976. P: RK (Edgar Reitz, Alexander Kluge). R: Alexander Kluge/Edgar Reitz. B: Alexander Klu-ge/Edgar Reitz. K: Edgar Reitz, Alfred Hürmer, Günter Hörmann. M: Richard Wagner, Giuseppe Verdi. D: Dagmar Böddrich (Inge Maier), Jutta Winkelmann (Rita Müller-Eisert), Norbert Kentrup (Max Endrich), Kurt Jürgens (Polizeipräsident), Alfred Edel (Bieringer), Jutta Thomasius (Abgeordnete), André Mozart (Rusche), Hans Drawe (Dietzlaff). SW 85 Min.
An irgendeinem fiesen grauen Tag im buntesten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts warf Dr. Alexander Kluge nach dem Frühstück einen Blick in seine Geldkatze, entdeckte eine gähnende Leere und schrie nach seinem Faktotum Dr. Goltz1. Dr. Goltz kam eiligst hereingewieselt, und es entspann sich, nehmen wir an, folgender Dialog:
Kluge: Hör mal Goltz, ich seh grad, dass ich blank bin. Das darf aber nicht sein, denn ich muss mal wieder einen Film inszenieren. Am Wochenende gibt der Geissendörfer eine Party. Da sind dann alle Jungfilmer da und prahlen damit, was sie dieser Tage wieder rausbringen. Und was mach ich?
Goltz: Sie bringen auch einen neuen Film heraus, Herr Doktor!
Kluge: Eine gute Idee! Und über welches Thema?
Goltz: Über die grauen Städte unserer Zeit.
Kluge: Meinen Sie etwa Frankfurt?
Goltz: Genau, Herr Doktor!
Kluge: Aber ich hab keinen Peso in der Tasche! Wie soll ich die Schauspieler bezahlen? Und den Kameramann? Ganz zu schweigen vom Drehbuchautor?
Goltz: Drehbuchautor?! Sie sind doch Künstler, Herr Doktor! Da brauchen Sie doch kein Drehbuch!
Kluge: Ist auch wieder wahr.
Goltz: Sie brauchen nicht mal einen Kameramann. Im Keller liegen noch die achtundzwanzig Rollen, die Reitz und seine Bande weiland spontan gedreht haben, als er die neue Arriflex gekriegt hat... Das schneiden wir alles aneinander, wie ‘ne Collage, verstehen Sie?
Kluge: Collage ist immer gut! Collagen haben so was typisch künstlerisch Improvisiertes, nich?
Goltz: Genau.
Kluge: Und die Schauspieler? Was sollen die denn sagen ohne Drehbuch? Sie wissen doch, Goltz, Schauspieler brauchen Text... Wer hat das noch mal gesagt?
Goltz: Lubitsch. Ist aus Sein oder Nichtsein.
Kluge: Ach ja – der.
Goltz: Also, das mit den Schauspielern, Herr Doktor... Ich schlage vor, sie engagieren ein paar Laien.
Kluge: Ja, Laien sind gut! Laien haben so was typisch künstlerisch Improvisiertes, nich?
Goltz: Exactly. Ich schlag vor, sie drehen mit denen so sieben, acht Minuten irgendeinen Scheiß... Pro Nase so vier bis fünf Szenen à 30 Sekunden. Sie lassen die Typen improvisieren, weil das so künstlerisch unfertig rauskommt... das gibt den Leuten im Kino dann mächtig zu denken.
Kluge: Und was dreh ich mit denen?
Goltz: Na, irgendeinen Scheiß. Ich schlage vor... Wir nehmen zwei Frauen um die dreißig. Die eine ist Geheimagentin aus dem Osten. Die ist stumm. Die sagt im ganzen Film kein Wort. Die kuckt immer nur so rum. Sie könnte auch mal zu ‘ner Tagung fahren, wo Atomphysiker sich über Sachen unterhalten, die keine Sau versteht. Außerdem stellen wir ihr einen Kollegen zur Seite, der Marx im Original liest, also auf Russisch, und der gleich zu Anfang des Films verschwindet, ohne dass wir uns die Mühe machen, die Frage zu klären, was aus ihm geworden ist...
Kluge: Klingt echt spannend. Die Leute werden drauf abfahren, das weiß ich jetzt schon...
Goltz: Die Geheimagentin wäre aber viel lieber Künstlerin, deswegen schreibt sie immer so komische Berichte an ihre Vorgesetzten...
Kluge: Komische Berichte?
Goltz: Ja, irgend so ‘n lyrischen Kram, den die DDR-Betonköpfe absolut nicht ab können. Deswegen scheißen sie sie am Telefon immer zusammen...
Kluge: Es klingt toll, Goltz. So künstlerisch. – Und die andere Frau? Was macht die?
Goltz: Die sorgt für das Sex-Element... Die ist Beischlafdiebin von Beruf. Sie latscht den ganzen Tag durch Frankfurt und schleppt dabei einen Koffer und drei Reisetaschen mit sich rum... Sie könnte auch dem Polizeipräsidenten einen von der Palme wedeln...
Kluge: Ja, aus dieser Story lässt sich was machen...
Goltz: Wir schneiden die Szenen mit beiden Schnallen in das ganze Kasematuckel mit rein...
Kluge: Kasematuckel?
Goltz: Ja, die Archivaufnahmen. Wir haben jede Menge: Graue Straßen, graue Mietskasernen, finster dräuende Wolken am Himmel, Bäume ohne Laub, Autos auf der Straße; ein paar Deppen, die vor der Kamera Blech reden; Langhaarige, die gegen irgendwas demonstrieren; Abrissunternehmer, die ein paar Häuser plattmachen... Die ganze graue Leere der Existenz eben... Und der ganzen Sache geben wir einen mysteriös, aber nicht unwitzig klingenden Titel, damit die Cineasten was zu interpretieren haben...
Kluge: Ist ja tofte!
Goltz: Wir verticken das Ganze als rasantes Großstadt-Porträt und messerscharfe Gesellschaftskritik. Die Musik ham wir im Archiv - ‘n paar Auszüge aus Opern, dazu ‘n bisschen Leierkastengedudel. Hin und wieder schwafeln Sie aus dem Off ‘n paar bedeutungsschwangere Worte, Herr Doktor...
Kluge: Ich seh mich schon in Cannes mit der Goldenen Palme wedeln... Aber wem verkaufen wir das?
Goltz: Wie wär’s mit den Blinden vom ZDF?
Kluge: Au ja!
Und also geschah es.
1Ältere Semester werden es noch wissen: Dr. Goltz war in den 1960er Jahren als Bürobote bei der Zeitung WELT IM SPIEGEL (Motto: „Pro Bonum, Contra Malum“) tätig. Er überwarf sich jedoch wegen des Gewichts seines Halseisens mit dem tyrannischen Chefredakteur Zirfeld, kriegte die Fleppen und wechselte in die Filmbranche. |